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Internationale Otto Gross Gesellschaft e.V.


4. Mai 2008:
Otto Gross als Mitspieler in einer Krimiserie

24. April 2008:
Acht vor der Acht! Vertreter der Internationalen Otto Gross-Gesellschaft mit Vorträgen zu 1968 und 1848

17. Februar 2008:
Hans Gross und seine Erben

15. Januar 2008:
Neuerscheinung: ... da liegt der riesige Schatten Freud’s nicht mehr auf meinem Weg. Die Rebellion des Otto Gross / Kongressband vom 6. Internationalen Otto Gross Kongress in Wien liegt vor


Otto Gross als Mitspieler in einer Krimiserie

Von Prof. Dr. phil. Piet Tommissen, Brüssel 

4. Mai 2008 - Ich war völlig überrascht, als ich in der Namensliste der Damen und Herren, die am 4. Internationalen Otto Gross Kongreß in Graz (24.-26. Oktober 2003) teilgenommen haben, auf den Namen einer Landsmännin stieß:  "Mieke de Loof, Antwerpen" [1]. Da ich mich für Gross interessier(t)e und sogar behilflich sein konnte bei der Zusammenstellung seiner gedruckt vorliegenden (inzwischen längst überholten) Bibliographie [2] entschloß ich mich kurzerhand, diese Dame zu kontaktieren. Es war allerdings keine Sinekure, ihre Adresse und Näheres über ihre Person ausfindig zu machen. Gottlob war Herr Henri-Floris Jespers (geb. 1944), Herausgeber der Zeitschrift Mededelingen (Antwerpen), deren Mitarbeiter ich bin, behilflich. Am 18. Januar 2006 war ich endlich in der Lage, mich brieflich mit Frau de Loof in Verbindung zu setzen. Seitdem sind mehrere, teilweise recht interessante Briefe gewechselt worden und am 16. Januar 2007 zu einer Begegnung gekommen.

Dank dieser Kontakte erfuhr ich, daß Frau Mieke de Loof am 3. Oktober 1951 in der flämischen Kleinstadt Aalst als Tochter eines Arztes geboren wurde und in Löwen erfolgreich Soziologie und Philosophie studiert hat. Sie wurde 1978 von der Universität Antwerpen mit einem Spezialstudium (der Arbeitsunfälle) beauftragt und 1981 als Dozentin eingestellt. Ein Jahr früher hatte sie ein Bühnenstück mit und für Jugendliche marokkanischer Herkunft geschrieben. Und 1982 verfaßte sie mit ihrem Vater ein Buch über die Folgen eines Atomkrieges [3].

Um die tagtägliche Wirklichkeit kennen zu lernen, war Frau de Loof ab 1987 fünf Jahre nebenberuflich als Chauffeur tätig und hat ab 1992 am Wochenende in einer Antwerpener Nachtkneipe gearbeitet. Außerdem lernte sie Kyokushin-karateka. 1998 nahm sie jedoch ihren Abschied als Dozentin, um voll und ganz ihren schriftstellerischen Neigungen nachgehen zu können. Sie plante zunächst eine Biographie der Schwester des von ihr bewunderten Philosophen Ludwig Wittgenstein (1889-1951), Gretl Wittgenstein (1882-1958). Aus diesem Grunde hat sie Wien wiederholt besucht.

Abermals bewährte sich jedoch das Sprichwort: "Der Mensch denkt, Gott lenkt“. In Wien wurde Frau de Loof klar, daß Mittel-Europa im allgemeinen und die Hauptstadt der k.u.k. Monarchie im besonderen zwischen 1913 und 1918 das Laboratorium Europas gewesen sind. Hier wurde in politischer, künstlerischer, wissenschaftlicher Hinsicht tüchtig experimentiert. Sie ließ das Projekt Gretl Wittgenstein fallen und konzipierte eine siebenbändige Krimiserie.

In einem Interview hat sie ihr Ziel folgendermaßen genau umschrieben: "Dasjenige, was mir mit dem ganzen Zyklus vor Augen steht, ist eine Untersuchung über die Archäologie der Macht. Wie funktioniert Macht? Ist jemand in der Lage sie umzugestalten, bis in die Perversität, ohne sich dessen bewußt zu sein?"[4] In einem anderen Interview hat sie auch ihr Arbeitsverfahren unzweideutig enthüllt: "In der Malerei, z.B. im Falle der flämischen Primitiven, werden viele Farbschichten angebracht: So gehe ich auch vor. Jeder Band ist eine Schicht. Nach der siebten Schicht hat man ein gutes Bild des habsburgischen Reiches jener Zeit."[5]

Dazu gehört Forschung: Jeder Band erfordert mehrere Monate Sucharbeiten in Archiven, sowie Versuche, sich in der Atmosphäre bestimmter Gebäude bzw. Einrichtungen einzuleben. Übrigens lernte Frau de Loof im Jahr ihrer Entscheidung für die Literatur (1998) sowohl Otto Gross als auch Erich Mühsam (1878-1934) kennen. Und zwar in der von Harald Szeemann (1933-2004) zusammengestellten Ausstellung "Austria im Rosennetz. Visionäres Österreich“, die im Palast der Schönen Künste (jetzt: Bozar) in Brüssel gezeigt wurde. Diese Entdeckung hatte zu Folge, daß sie - wie bereits oben gesagt - zur Gross-Tagung in Graz gepilgert ist.

Nach ihrer Rückkehr in Antwerpen hat sie sich an die Arbeit gesetzt und den ersten Band ihrer Serie geschrieben. Das Grazer Zentralthema, d.h. das Vater-Sohn-Verhältnis, ist in diesen Roman unmittelbar eingegangen, indem die erdrückende, ja stickige patriarchalische Gesellschaft jener Zeit an Hand der Hauptperson und ihres Opfers im Mittelpunkt steht.

Er spielt sich 1913 in Wien ab. Der Jesuit und als Geheimagent ausgebildete Kasveri Ignatz von Oszietsky erhält von seinem Provinzial, Pater Hermann Wolf, den Auftrag, an Ort und Stelle herauszufinden, warum der am Hof der Habsburger tätige katholische Spion nicht länger zuverlässig ist und eine Gefahr darstellt. Kasveri ist in mancher Hinsicht ein Originaltyp: Er raucht keine Pfeife und trinkt kein Bier, sondern begnügt sich mit den vom Jesuiten Baltasar Gracián y Morales (1601-1650) gesammelten Maximen, dem nach 1945 in West-Europa viel gelesenen Handorakel.

Es ist nicht möglich, die Erlebnisse des Paters Kasaveri, die Schachzüge der aktiven jüdischen Meisterspionin Fürstin Elisabeth von Thurn, die Handlungen anderer Personen, d.h. das Intrigenspiel zusammenzufassen. Demgegenüber geht es nicht an, die Anwesenheit von Vater und Sohn Gross zu ignorieren: Es ist ja wohl zum ersten Mal, daß sie in einem Kriminalroman ihre Aufwartung machen! Dass Kasaveris eingebaute Rekonstruktion im großen und ganzen den Fakten entspricht, möge der nachfolgende Abschnitt beweisen [6].

Während eines Besuches in Graz bittet der Vater den befreundeten Kasaveri seinem Sohn seine angeblichen Wahnideen auszureden. Der gibt nicht nach und begibt sich zu dem befreundeten Ehepaar Margot und Franz Jung. Eine Kontaktperson erzählt Kasveri, daß Freund Otto gefährdet ist. Er entschließt sich zu einer Intervention, um die Pläne des Vaters zu hintertreiben. Er trifft aber zu spät in Berlin ein, denn Otto war gerade von der Polizei verhaftet worden. Etwas später drückt Peter Provinzial ihm ein Exemplar der Pariser Tageszeitung Le Figaro in die Hand und liest den Protestartikel des französischen Schriftstellers Blaise Cendrars (1887-1961).

Mit dem Erscheinen des Erstlings der Frau de Loof ist ein neuer Wind in der flämischen Thrillerliteratur zu spüren. Er hat es wohl seiner Originalität zu verdanken, daß ihm der begehrte Preis Hercule Poirot zu Teil wurde. Der von der Jury gefaßte Beschluß ist kaum beanstandet worden, einzig ernsthafter Vorwurf war die spürbare Erudition, die als die eherne Folge der Ausbildung der Autorin gedeutet wurde. Der Roman ist im selben Jahr (2004) zweimal nachgedruckt worden - der beste Beweis, dass er auf fruchtbaren Boden gefallen war.

Im zweiten Roman fehlt Otto Gross. Wenigstens unmittelbar, denn nicht umsonst spielt die Geschichte sich in der ehedem modernsten Heil- und Pflegeanstalt für Nerven- und Gemütskranke Steinhof ab, dem derzeitigen Otto Wagner Spital. Einerseits wurden geisteskranke Mitglieder adliger Familien luxuriös und Geisteskranke aus niedrigeren Schichten kümmerlich gepflegt, andererseits tüchtig Therapien ausprobiert, vom Schlammbad bis zum Elektroschock. Aus der Sicht von Frau de Loof handelte es sich um den am besten geeigneten Ort, um Personen zu skizzieren, die in der Welt des Wahns leben [7].

Es ist erwähnenswert, daß die Autorin in dieser Anstalt Freunde und Feinde der vom Monsignore Umberto Benigni (1862-1934) zur Bekämpfung des sog. Modernismus aus der Taufe gehobenen erzkatholischen Geheimorganisation Sodalitium Pianum zusammenführt. Sie verfügten über eine Geheimschrift (die Roich) und versteckten sich hinter Pseudonymen. Diese Organisation wurde am 8. Dezember 1921 vom Pabst Benedikt XV. (= Jakob della Chiesa; 1854-1922) aufgehoben.

Im nächsten Band der Serie soll der Maler Egon Schiele (1890-1918) seine Aufwartung machen, in einem späteren Band (wahrscheinlich der fünfte) die Pflegeanstalt zum zweiten Male als der zentrale Ort der Geschehnisse fungieren und Otto Gross wiederum präsent sein. In welcher Eigenschaft er auftreten wird, ist vorläufig ein Geheimnis. Als Psychiater, als Patient, als Patient-Psychiater? Frau de Loof verweigert die Aussage. Es steht allerdings fest, daß die Essenz der Vorfälle wichtiger sein wird als die komplizierten Plots der beiden ersten Bücher und die historische Annäherung einer philosophischen (existentenziellen?) weichen muss. Die Autorin verspricht, ihrem Leitmotiv in jedem weiteren Band die Treue zu halten: "Nichts ist, wie es anmutet und hinter allem lauern Doubletten."[8], oder anders formuliert: Wahrheit und Lüge durchkreuzen sich andauernd, so dass es außerordentlich schwierig ist, die Quintessenz der Realität herauszuschälen.

Zu guter Letzt möchte ich noch unterstreichen, daß Frau de Loof keine wissenschaftlichen Traktate, sondern Krimis schreibt. Darum darf sie sich gelegentlich eine Verdrehung der historischen Wahrheit erlauben. In einem recht informativen Nachwort zum zweiten Band zitiert sie ein schönes Beispiel: sie führt Julius Wagner Jauregg (1857-1940) als Direktor der Heilanstalt Steinhof an, obwohl er es nie gewesen ist [9].


[1] Albrecht Götz von Olenhusen (geb. 1935) und Gottfried Heuer (geb. 1944) (Hrsg.). Die Gesetze des Vaters. 4. Internationaler Otto Gross Kongress, Marburg: LiteraturWissenschaft.de, 2005, 497 S.; cf. S. 490.

[2] Raimund Dehmlow (°1952) und G. Heuer (Hrsg.), Otto Gross. Werkverzeichnis und Sekundärschrifttum, Hannover: Laurentius Verlag. 1999, 108 S.; cf. S. 94.

[3] Jef de Loof en Mieke de Loof, En niemand hoort je huilen (= Und kein Mensch hört dich weinen), Löwen: Kritak, 1982, 107 S.

[4] Jooris van Hulle, "Mieke de Loof over haar 'geestelijke' misdaadliteratur", in Tertio (Antwerpen), 8. Jahrg., 24. Januar 2007, S. 11

[5] Inneke von den Bergen, Interview Mieke de Loof. "Literatur is antidotum tegen fundamentalisme", in: De Volkskrant (Holland), 13. Oktober 2006, S. 25.

[6] M. de Loof, Duviels offer (=Satanisches Opfer), Antwerpen: House of the Books, 2004, 174 S.: cf. S. 71-77 (Gespräche mit Hans Gross), 89-96 (Unterhaltung mit Otto Gross), 148-152 (Verhaftung von Otto Gross), S. 168-170 (Aktion zugunsten von Otto Gross).

[7] M. de Loof, Labyrinth van de waan (=Labyrinth des Wahns), Antwerpen: House of the Books, 2006, 205 S. - 2007 ist eine korrigierte Neuauflage erschienen.

[8] M. de Loof, ob. cit. (FN 6), S. 14.

[9] M. de Loof, op. cit. (FN 7), S. 211-215; cf. S. 212.

Über den Autor: Prof. Dr. phil. Piet Tommissen, Brüssel. Zu den wissenschaftlichen Werken u.a. zu Pareto, Ernst Jünger, Carl Schmitt, Otto Gross cf. Bibliographie, S. 263 - 317 (etwa 500 Titel) in: Liber amicorum Piet Tommissen, La Hulpe: Apsis 2000, 319 S.


Acht vor der Acht! Vertreter der Internationalen Otto Gross Gesellschaft mit Vorträgen zu 1968 und 1848

24. April 2008 - In einer Veranstaltungsreihe der URANIA für die Steiermark, Graz, befassen sich Historiker, Kultur-, Rechts- und Zeithistoriker mit bemerkenswerten historischen Ereignissen. "Auch ohne mystische Zahlenspielerei präsentiert sich die Zahl als Symbol der Symmetrie, des Gleichgewichts und der Erneuerung. Für die Geschichtswissenschaft zeigt sich ... dass es immer wieder 8er Jahre waren, die eine Zäsur markierten ... oder prägend für weitere Entwicklungen wurden ... 2008 gibt den Anlass, eine Auswahl von 8 relevanten Jahren  mit der 8 zu treffen ... Dabei wird der Fokus nicht nur auf regional wirkende Ereignisse gerichtet, sondern auch auf solche von europäischer, ja von globaler Dimension.“ (Auszug aus der Programvorschau).

Unter dem Titel  "1968: Phantasie muss an die Macht“ standen die am 8. April 2008 gehaltenen Vorträge. Zwei der Referenten sind Mitglieder des Vorstands der Internationalen Otto Gross Gesellschaft. Der Mitinitiator der Reihe, Dr. phil. Gerhard Dienes, Graz, Historiker im Joanneum Graz, berichtete, durchaus auch autobiographisch grundiert, über die kritischen Ereignisse des Jahres 1968 unter dem Titel "Wie der Rock in die Provinz kam“. Dienes, damals Mitglied einer auch überregional erfolgreichen Rockband, er selbst ihr hervorragender Schlagzeuger, zeigte auf, welche hohe Bedeutung der Musik in Jugendgruppen und in den Reihen der später sog. 68er zukam - eine regionale, glänzend vorgetragene Erfahrung und Analyse, wie sie sich zum Beispiel auch in Arbeiten von Klaus Theweleit, selbst ein damaliger und heutiger Anhänger dieser und anderer Musikrichtungen, etwa des Free Jazz, in privaten Bands wieder findet - als konstituierendes Moment der Sechziger und 68er Jahre.

Der  Grazer Kulturpolitiker Helmut Strobl schilderte die Ereignisse und ihre Folgen in Österreich, in Wien und Graz zumal, vor allem aus der Sicht eines liberal geprägten und insoweit auch intensiv politisch wirkenden Kulturpolitikers Österreichs. Dass die Nachwirkungen von 1968 sich - personell und politisch - manifestierten, zeigte sich nicht nur an der eindrucksvollen Reihe von nachmals weiterhin bekannt gewordenen Persönlichkeiten des kulturellen und politischen Lebens, sondern ersichtlich in der rhetorisch spürbaren Leidenschaft der Erinnerungen. Sein Vortrag knüpfte an das berühmte Motto der Mai-Revolution von Paris "Die Phantasie an die Macht!“ an.

Realitat und Mythos von 1968 in Deutschland standen im Zentrum des Vortrags von Dr. jur. Albrecht Götz von Olenhusen, Freiburg i.Br. - Vom "kritischen Ereignis“, dem Tod von Benno Ohnesorge in Berlin über die Anfänge der Kritischen Theorie der sechziger Jahre etwa in Frankfurt bis hin zu dem Widerhall der Revolte in Universitätsstädten wie Heidelberg, Freiburg oder auch, mit einiger Verspätung, Zürich spannte sich hier der Bogen des Referenten, damals auch einer der frühen Strafverteidiger in politischen Prozessen gegen die Neue Linke. Sein an ausgesuchten allgemeinen und speziellen Beispielen und vielfältigen Thesen und Themen orientierter Beitrag zur damaligen jugendlichen Rebellion, zugleich einer historischen Zusammenfassung und Deutung von 1968 war gleichermaßen wie die der anderen Referenten auch biografisch und autobiografisch basiert. 1968 als Mythos, als Chiffre, als Ereignis und heute als Gegenstand der Geschichtswissenschaft – die drei Vorträge markierten Momente, Aspekte und Perspektiven des Themas im Jubiläumsjahr.

Das Revolutionsjahr 1848 war am 22. April 2008 Gegenstand eines weiteres Vortrags von Dr. Gerhard M. Dienes innerhalb der gleichen Reihe, die sich unter anderem noch mit 1918, 1938 und anderen Zäsuren der Historie befassen wird.

Weitere Informationen: www.kulturserver-graz.at/


Hans Gross und seine Erben *

Von Dr. jur. Albrecht Götz von Olenhusen, Freiburg i.Br.

17. Februar 2008 - "Hans Gross  - ein Leben für die Kriminologie" - diese jüngste Darstellung des Grazer Rechtshistorikers Gernot Kocher zusammen mit Thomas Mühlbacher, Oberstaatsanwalt in Graz, zur Biografie und wissenschaftlichen Karriere von Hans Gross stellt nicht nur die  wichtigsten Lebensdaten des späteren Professors für Strafrecht und Strafprozessrecht zusammen. 1847 in Graz geboren wird  er nach 23 Jahren im als Staatsanwalt, Untersuchungsrichter und Landesgerichtsrat im Staatsdienst 1898 endlich Professor in Czernowicz, bis er über Prag (1905) schließlich das Ziel, die Professur in Graz erreicht. Seine wissenschaftliche Karriere wurde durch das alsbald weltweit bekannte "Handbuch des Untersuchungsrichters" (1893), durch seine "Kriminologische Sammlung" (1895), durch eine Reihe grundlegender und einflussreicher Publikationen, mit der Gründung des "Archivs für Kriminalanthropologie und Kriminalistik" (1898) entscheidend befördert und schließlich durch das Kriminalistische Institut (1912) gekrönt. Die "Realien des Strafrechts" standen schon während seiner Zeit als Staatsanwalt und Richter im Zentrum seiner Interessen. Dank seiner Fachkurse für Justizkandidaten und Polizeibeamte in den neunziger Jahren entwickelte er die "gerichtliche Untersuchungskunde" zu einer geschlossenen Disziplin. Er fand dabei Anregungen und Unterstützung durch den Strafrechtler Franz von Liszt.

Während in den Jahren seit Beginn der Jahrhundertwende Einfluss und Ruhm von Hans Gross - gleichsam ein   Sherlock Holmes der aufkommenden naturwissenschaftlich arbeitenden Kriminalwissenschaften -  in aller Welt ansteigen, wird seine private Existenz durch den bekannten Vater-Sohn-Konflikt mit seinem Sohn Otto (1877-1920) aufs schwerste belastet. Für die Generation der expressionistischen Avantgarde und Moderne wird diese scheinbar rein familiäre Differenz  zu einem Exempel, das  kurz vor dem Ersten Weltkrieg bekannte Schriftsteller wie Franz Jung, Simon Guttmann, Erich  Mühsam, Johannes Nohl, Ludwig Rubiner, Leonhard Frank, Guilleaume Appollinaire und viele andere sowie alsdann  Zeitschriften und schließlich auch die Presseöffentlichkeit in Österreich beschäftigt. Auch Max Weber und andere Wissenschaftler werden in den Fall involviert oder engagieren sich, allerdings nicht alle  auf Seiten von Otto Gross, sondern für Frieda Gross und deren Kampf um ihre Kinder gegen Hans Gross. Die in zahlreichen Publikationen über diesen Konflikt oftmals nur negativ konnotierte Persönlichkeit von Hans Gross tritt in seiner familiären Korrespondenz aufs Eindrucksvollste und mit durchaus sympathischen Zügen hervor. Die rund 400, ein sensibleres, differenzierteres Charakter- und Lebensbild zeichnendes Bild zeigenden  Familienbriefe konnte Gernot Kocher für das von ihm wieder zu einem  wissenschaftlich und öffentlich wirksamen Zentrum der Forschung, Archiv und Anschauungsinstrument der historischen Strafrechtswirklichkeit gestaltet hat, für das Museum erwerben und bei Tagungen der Internationalen Otto Gross Gesellschaft in Graz und Zürich in aufschlussreichster Weise vorstellen. Damit wird eine weitere Seite dieses für die Wissen schafts- und Praxisentwicklung von Kriminologie und Kriminalistik so bedeutsamen Charakters deutlicher und mit seinen Ambivalenzen und Zwischentönen sichtbarer.

Mit seinen weitreichenden, auf die praktischen Anforderungen der Polizei, der Staatsanwaltschaften und Untersuchungsrichter zielenden Publikationen, etwa dem Lehrbuch für den Ausforschungsdienst der k.k. Gendarmerie (1895) und dem Kompendium "Die Erforschung des Sachverhalts strafbarer Handlungen" (1902) war  Hans Gross' Zielgruppe in erster Linie das Personal der Sicherheitsdienste, auch wenn er zugleich eine hochschulmäßige Ausbildung anstrebte. Hier konnte er schließlich nach harten, zielstrebig ausgetragenen Kämpfen die Fundamente der Grazer Schule der Kriminologie legen (Christian Bachhiesl: Von Adolf Lenz bis Gerth Neudert), in seiner Person und seinem Werk verbanden sich Kriminologie und Kriminalistik wie Kriminaltechnik, Graphologie, Ballistik, typologische Theorien von Täterpersönlichkeiten und -gruppen, Ursachenforschung mit Methoden der Aufklärung. Naturwissenschaftliche Methoden fanden Eingang, die "Criminalpsychologie", so der Titel eines weiteren Werkes von Hans Gross, sollte bei der Ausforschung von Tätern und Zeugen Hilfestellung leisten. Hans Gross und sein Nachfolger Adolf Lenz (1868-1969)  gingen auf Distanz zur Kriminalanthropologie eines Cesare Lombroso. Die dann vor allem von Lenz enwickelte Kriminalbiologie sollte in den folgenden Jahrzehnten auch in bestimmten "Tätertypen" kulminieren. Lenz als Vertreter des österreichischen Ständestaats verlor nach dem Anschluss Österreichs an Deutschland seine Stellung. Die Geschichte der Grazer Kriminologie und ihrer Protagonisten während der NS-Zeit und Nachkriegsepoche hat  der  Historiker und Jurist Christian Bachhiesl in dieser und in anderen seiner Arbeiten minutiös und sachkundig nachgezeichnet, auch wenn  diese Wissenschaft nur mehr als Hilfswissenschaft des Strafrechts begriffen wird. In neueren strafrechtlichen, kriminologischen und rechtshistorischen Forschungen wird hier an die renommierte, für die Kriminologie seit Ende des 19. und Beginn des 2o. Jahrhunderts maßgebliche Schule der Grazer Kriminologie angeschlossen.

Der Neuaufbau, die Erschließung und Präsentation des Gross'schen Kriminalmuseums im Jahre 2003 durch Gernot Kocher und seine Mitarbeiter legen dafür ein weiteres, vielfach national und international beachtetes, wirkungsvolles Zeugnis ab. Im Kontext dazu stehen die von Dr. Gerhard Dienes, Graz, und Dr. Ralf Rother, Wien, früher konzipierte und  weithin beachtete Ausstellung mit wissenschaftlicher Begleitpublikation "Die Gesetze des Vaters" (Graz 2003, Publikation mit dem gleichen Titel Wien: Böhlau 2003). Sie bildeten Anregung und Grundstein für das weitausgreifende dreiteilige international ausgerichtete  Ausstellungsprojekt in Rijeka mit einem wissenschaftlich und interdisziplinär ausgestalteten Katalog, der die unterschiedlichen Ausgangspunkte und Facetten der Gesamtthematik aufs Beste vereinigt.

Es wurde vom Grazer Landesmuseum Joanneum mit seinem Direktor Dr. Wolfgang  Muchitsch, Dr. Gerhard Dienes und Prof. Dr. Gernot Kocher, Karl-Franzens-Universität Graz, sowie dem Museum der Stadt Rijeka konzipiert (unter Mitwirkung des bekannten Ausstellungsarchitekten Gerhard E. Kuebel) getragen  Unter dem einprägsamen und assoziationsreichen "Übertitel" "Vaterstaat - Muttersohn" wurden hier in einer Ausstellung im Jahre 2007 - zweisprachig auf Deutsch und Kroatisch - die Themenbereiche einer Kriminologie und Strafrechtswissenschaft zwischen Tradition und Neubeginn um die Jahrhundertwende, eines paradigmatischen und nicht allein auf das tragische Familiendrama zwischen Hans Gross und seinem Sohn Otto, dem psychoanalytischen Dissidenten und Anarchisten, reduzierten Generationenkonflikts versammelt. In drei Sektionen wurden auf diese Weise, eingebettet in die historischen Aspekte Rijekas und seiner "Patriarchen", die in Graz mit seiner nachwirkenden Ausstellung und dem zeitgleich stattfindenden Kongress der Internationalen Otto Gross Gesellschaft (2003) aufgenommenen und bearbeiteten Themen inhaltlich, mitteleuropäisch und die wissenschaftlichen Grenzen fruchtbar überschreitend  fortentwickelt.

Dabei spielte die interessante, historisch wie theoretisch bemerkenswerte Konstellation eine Rolle, dass ausgerechnet die Adria-Inseln dem staatlich geprüften und diskutierten Vorhaben dienen sollten, dort jene Strafkolonien zu errichten, welche in der Strafrechts- und Strafvollzugswissenschaft um 1900 als denkbarer oder willkommener Ausweg aus dem Dilemma betrachtet wurden, die als unbelehrbar, unheilbar, degeneriert, politisch und gesellschaftlich nicht akzeptabel und asozial betrachteten Personengruppen aus der bürgerlichen Gesellschaft sei es für Zeit, sei es auf Dauer kostengünstig aus Sichtweite zu entfernen, als sie immer wieder in heimische Gefängnisse einzusperren. Gerhard Dienes hat in einem brillanten Konzept ("Väter und Söhne") den sachlichen und personellen Kontext zwischen  Hans und Otto Gross, Sigmund Freund und Franz Kafka, zwischen Kriminologie und Psychiatrie, Deportation und Gefängniskunde, Aussteigerszenarios und Anarchie, Revolution und Psychoanalyse als Beziehungsgeflecht aufgezeigt. So wie zum Beispiel Hans Gross mit Sigmund Freud, mit Auguste Forel und Emil Kraepelin in Austausch und Verbindung stand, so studierte Franz Kafka in Prag bei Hans Gross. Und Generationen von Germanisten, Philologen und Kulturwissenschaftlern forschen bis heute über die Aus- und Nachwirkungen von Hans Gross auf Kafkas Werke wie "Der Process" und "In der Strafkolonie". "Meine Reise in die Strafkolonien" (1913), von Robert Heindl verfasst (auch einem Kriminalisten, der in engem Zusammenhang mit diesen Zeitthemen und mit Hans Gross stand), hieß ein damals vielbeachtetes Werk.

Hans Gross machte sich in diesen Jahren wissenschaftlich fundierte Gedanken über die Deportation als Mittel des Strafvollzugs. Es gehört zu den zeitlich wie räumlich bemerkenswerten "Zufällen" der Geschichte, daß die Adria-Inseln wie Unije, Susak, Krk, San Andrea, Cres und Plavnik für rechtspolitische Konzepte  von  Strafkolonien in Betracht gezogen wurden, während viele von ihnen andererseits als Refugium für Lebensreformer, Anarchisten, Naturisten gewissermaßen als "Liebesinseln" genutzt wurden. Zu solchen touristischen Besuchern und "Aussteigern", die später auch Ascona und das Tessin überhaupt als mythologisch, kultisch oder in anderer Weise ideologisch aufgeladenen Ausfluchts- und als Wohnort bevorzugten, zählten auch Frieda Gross und Ernst Frick, Otto Gross und Sophie Benz. Den biografischen Zusammenhängen und den theoretischen Konzepten von Otto Gross  wird hier (durch Gottfried Heuer) ebenso in biografisch-theoretischer Absicht eindringlich Rechnung getragen wie der Genese und Geschichte des Lagers (als Spiegel, Ort der Moderne, Machtsystem eigener Art und Paradigma) in dem  Beitrag von Ralf Rother. Dass sich Generationenkonflikte der Art, wie sie sich in der Familie von Hans Gross manifestierten, auch in der Geschichte Rijekas und Kroatiens realisierten, haben weitere Autoren dargestellt (Ervin Dubrovic, Tonko Maroevic, Mladem Urem). Janko Polic Kamov, ein anarchistischer Schriftsteller Kroatiens wird dabei als ein prägnantes Beispiel für die tiefgreifenden Wirkungen der Werke Lombrosos und Freuds auf einen  Künstler vorgestellt, für die Faszination etwa des Autors Kamov durch die auch mythologischen, die künstlerischen Inspirationen anregenden Figuren des Genies, des Irrsinnigen und des Verbrechers - die, wie es einmal heißt, im Augenblick des schöpferischen Schaffens zusammentreffen.

* Zugleich Besprechung des Begleitbuchs zur Ausstellung in Rijeka: Museum der Stadt Rijeka/Landesmuseum Johanneum Graz/Karl Franzens Universität Graz (Hrsg.): Vaterstaat - Muttersohn. Autoren und Redaktion: Gerhard M.Dienes, Ervin Dubrovic, Gernot Kocher.  Rijeka: Museum der Stadt Rijeka 2007. 227 S. m. Abb. (Katalog zur Ausstellung in Rijeka 12.6. - 17.8.2007). Zweisprachig Deutsch und Kroatisch.


Neuerscheinung: ... da liegt der riesige Schatten Freud’s nicht mehr auf meinem Weg. Die Rebellion des Otto Gross / Kongressband vom 6. Internationalen Otto Gross Kongress in Wien liegt vor

15. Januar 2008 - Unter dem Titel "... da liegt der riesige Schatten Freud’s nicht mehr auf meinem Weg. Die Rebellion des Otto Gross" liegt jetzt der Kongressbericht vom 6. Internationalen Otto Gross Kongress, der vom 8. - 10. September 2006 in Wien stattfand, vor. Die Veröffentlichung präsentiert sämtliche Vorträge der Tagung.

Der Kongress wurde von der Internationalen Otto Gross Gesellschaft in Kooperation mit  dem Ludwig-Boltzmann-Institut für Suchtforschung, der Universitätsklinik für Tiefenpsychologie und Psychotherapie der Medizinischen Universität Wien, dem Institut für Geschichte der  Medizin der Medizinischen Universität Wien, dem Institut für Wissenschaft und Kunst, Wien, und der Österreichischen Gesellschaft für arzneimittelgestützte Behandlung Suchtkranker (ÖGABS) veranstaltet.

 Frontpage: Die Rebellion des Otto Gross

Raimund Dehmlow, Ralf Rother und Alfred Springer (Hrsg.)

... da liegt der riesige Schatten Freud’s nicht mehr auf meinem Weg. Die Rebellion des Otto Gross. 6. Internationaler Otto Gross Kongress. Wien, 8.-10. September 2006

Marburg an der Lahn: Verlag LiteraturWissenschaft.de (TransMIT), 2008
558 Seiten, ISBN 978-3-936134-21-6, Preis: 29,60 EUR

"... da liegt der riesige Schatten Freud's jetzt nicht mehr auf  meinem Weg“ schrieb der österreichische Arzt, Psychoanalytiker und  Revolutionär Otto Gross (1877-1920) in einem Brief an Frieda Weekley (geb. von Richthofen) und umriss damit seine Bemühungen um eine  Anwendung der psychoanalytischen Methode auf die gesamtgesellschaftlichen Strukturen. Gross entwickelte ein wissenschaftliches Konzept, das in dem Satz "Die Psychologie des Unbewussten ist die Philosophie der Revolution“ zusammengefasst werden kann. Dieses Konzept setzte darauf, die mit therapeutischer Hilfe erreichte Bewusstmachung unbewusster Vorgänge zur sozialen Veränderung und damit zur Rebellion gegen die herrschenden  patriarchalischen Strukturen zu nutzen.

Zahlreiche Referentinnen und Referenten aus Österreich, Deutschland, der Schweiz, Großbritannien, Japan und den USA widmeten sich in ihren Vorträgen Einzelfragen der Geschichte der Medizin, Psychiatrie, Philosophie und Psychoanalyse. Weitere Schwerpunkte der Veranstaltung lagen auf den Themenbereichen "Trauma, Schmerz und Sucht“,  "Emanzipation“ und "Caféhaus“ und griffen zentrale Lebensfragen von Otto Gross und der jungen Generation des 20. Jahrhunderts auf. Ein weiterer Themenkomplex des Kongresses behandelte "Otto Gross und die Frauen“ und beschäftigte sich u.a. mit der Schweizer Schriftstellerin  Regina Ullmann, der Malerin Sophie Benz und den Schwestern Else und  Frieda von Richthofen.

Weitere Informationen: Inhaltsverzeichnis; Bestellen



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